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Ungewöhnliche Perspektive

Ein Physikbuch ausschließlich aus der Feder von Forscherinnen.

»Der Frauenanteil in der Physik ist auch heute noch gering«, stellen die Herausgeberinnen im Vorwort fest. Ihre Antwort darauf ist dieses Buch, das darauf abzielt, mehr Frauen für das Fach zu begeistern und zum Studium zu ermutigen. Deswegen haben sie 33 Kolleginnen gebeten, kurze Aufsätze über ihre jeweilige Fachdisziplin und ihre Arbeit zu schreiben. Alle Autorinnen sind erfolgreiche deutsche Forscherinnen, und alle haben neben ihren fachlichen Exkursen auch eine Seite über sich persönlich verfasst. Dort erscheint jeweils ein kurzer Lebenslauf nebst Absätzen darüber, wie die Autorin zur Physik kam, worin ihre heutige Tätigkeit besteht und was sie jungen Frauen rät, die sich für Physik interessieren.

Inhaltlich geht es zunächst um Geschichte, Philosophie und Didaktik der Physik, anschließend um Kern- und Teilchenphysik, Festkörper- und Nanophysik, Quantenoptik und Photonik, Chaosforschung, Bio- und Medizinphysik und schließlich um Astrophysik. Das ist ein äußerst breites Spektrum. Die Beiträge unterscheiden sich nicht nur thematisch sehr stark, sondern auch darin, welches Ziel die Autorin jeweils verfolgt und wie verständlich sie schreibt.

Unterschiede in Stil, Form und Inhalt

Manche Autorinnen verzichten weitgehend darauf, die Details ihrer Forschung darzustellen, zum Beispiel in den Beiträgen über Astrophysik. Das macht diese Abschnitte viel leichter zugänglich als jene, die sich eingehend mit fachlichen Einzelheiten befassen – etwa in den Kapiteln zur Nanophysik oder Photonik. Auch die Verständlichkeit des Schreibstils und die Darstellungsform variieren sehr. In einigen Beiträgen tauchen Formeln auf, die im Wesentlichen unerklärt bleiben. Andere rutschen ins Fachchinesisch ab, scheinen sich mitunter gar absichtlich in eine Aura des Unverständlichen zu hüllen. Ein Beispiel: »Somit bildete Interferenz eine begriffliche Kontaktzone für eine interdisziplinäre Perspektive, um die Analyse der Wechselwirkung von Geschlechterordnung und Physik in einem breiteren zeitlichen und geografischen Rahmen zu entfalten.« Es gibt aber auch hervorragend geschriebene Kapitel, beispielsweise das über Quantengravitation von Renate Doll, oder das über Atom- und Molekülphysik nahe dem absoluten Temperaturnullpunkt von Silke Ospelkaus.

Einigen Physikerinnen misslingt der Versuch, die Bedeutung ihrer jeweiligen Forschung herauszustellen. Es ist wenig hilfreich, zu lesen, dass diese oder jene Arbeit wichtige Ergebnisse geliefert oder Anwendungen ermöglich habe, wenn man nicht erfährt, worin diese denn bestehen. Vielleicht wäre das aber auch überhaupt nicht notwendig, denn es geht ja durchweg um Grundlagenforschung, die sich gerade nicht aus einer Anwendungsbezogenheit begründet. Manche Autorinnen verzichten deswegen bewusst darauf und betonen, dass es bei ihrer Arbeit vorrangig um Erkenntnisgewinn gehe.

Insgesamt hätte es dem Buch gut getan, wenn sich die Herausgeberinnen etwas stärker um Einheitlichkeit bemüht hätten. Dann wären auch manche Redundanzen verschwunden. Die verschiedenen modernen Mikroskopiemethoden beispielsweise werden mehrfach erklärt. In einem anderen Punkt hingegen erweist sich das Buch als erstaunlich homogen: Die persönlich gehaltenen Seiten ähneln sich stark, so dass es gegen Ende des Buchs fast langweilig wird, sie zu lesen. Bei den meisten Autorinnen war die Begeisterung für Physik schon im Kindesalter vorhanden, und sie geben fast ausnahmslos den Tipp, dass frau sich trauen soll, den eigenen Interessen zu folgen.

Lässt man die persönlichen Seiten außen vor, bemerkt man eines überhaupt nicht: dass hier nur Autorinnen geschrieben haben. Was insofern erwähnenswert ist, da dies ja eines der zentralen Anliegen der Herausgeberinnen war.

Hinweis der Redaktion: »Spektrum der Wissenschaft« und Springer Science+Business Media gehören beide zur Verlagsgruppe Springer Nature. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Rezensionen. »Spektrum der Wissenschaft« rezensiert Titel aus dem Springer-Verlag mit demselben Anspruch und nach denselben Kriterien wie Titel aus anderen Verlagen.

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