Wie das Geschichtsmagazin epoc in seiner aktuellen Ausgabe (epoc 4/09) berichtet, relativiert die jüngste Forschung die allgemeine Kriegsbegeisterung. Dennoch hat sich vor allem ein Bild dieser Zeit ins allgemeine Bewusstsein gegraben: Der begeisterte Aufbruch in den Untergang als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Das europäische Fin de Siècle bezeichnet eine Ära, die in den Ersten Weltkriegs 1914 mündete. Während sich das Ende der Epoche exakt bestimmen lässt, ist ihr Beginn nicht genau festzulegen. Vieles spricht für die Mitte der 1880er Jahre, als sich in Wirtschaft und Industrie eine neue Zeit und eine andere Welt ankündigten: 1885 symbolisierten die ersten Wagen mit Benzinmotor die technische Revolution. Die Erfindung des Telefons (1876), des Staubsaugers (1908) und die Einführung der Fließbandproduktion (1913) setzten diese Entwicklung fort. Die damit verbundene allgemeine Beschleunigung des Lebens – vergleichbar mit der medientechnologisch bedingten Beschleunigung an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert – rief Ängste hervor. Im Deutschen Reich umfasste das Fin de Siècle nahezu die gesamte Regierungszeit des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. (1888-1918).

Im Bewusstsein der Zeitgenossen markierte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs "das Ende einer Welt, die von der Bourgeoisie für die Bourgeoisie gemacht worden war", erklärt der englische Sozialhistoriker Eric John Hobsbawm. Dabei erstaunt, dass es neben den Bildungseliten und Künstlern die Bourgeoisie selbst war, die den Kriegsausbruch am freudigsten feierte. Allen voran Thomas Mann: "Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte? Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung."

Tatsächlich entsprang die deutsche Kriegsbegeisterung dem Empfinden der Zeitgenossen, zum ersten Mal das jahrhundertealte Trauma verarbeitet zu haben, zwar ein Volk zu sein, aber keine Nation. Jeffrey Verhey hat kürzlich nachgewiesen, dass den Kriegsanhängern in den Hauptstädten angsterfüllte Menschensammlungen gegenüberstanden. Dennoch sind sich die Historiker heute einig: Der Ausbruch des Weltkriegs hätte vermieden werden können – das Ende der Welt von gestern wäre früher oder später trotzdem eingetreten.

Über epoc:
epoc, das Magazin für Geschichte, Archäologie und Kultur, erscheint seit 2004. Sechsmal pro Jahr vermitteln Forscher und Fachjournalisten auf mehr als 100 Seiten fundiert und unterhaltsam Wissen über historische Themen und zeigen spannende Zusammenhänge aus Kunst, Kultur und Geistesgeschichte auf. Ein jeweils umfassend beleuchtetes Titelthema zu zentralen Ereignissen, Persönlichkeiten und Kulturen der Welt sowie spannende Reportagen und Essays überzeugen alle zwei Monate rund 40 000 Leser.

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