Eine heiße Spur
Eine um 1545 entstandene und nach ihrem Auftraggeber Nicolas Vallard benannte französische Seekartensammlung eines unbekannten Kartografen führte den Journalisten Peter Trickett auf eine heiße Fährte. Er sei wie "elektrifiziert" gewesen, als er in einem Buchladen in Canberra über eine Reproduktion aus dem Vallard-Atlas gestolpert sei.
"100 Jahre vor den Holländern und 250 Jahre vor Kapitän Cook"
(Peter Trickett)
"Sie liefert einen überzeugenden Beweis, dass portugiesische Schiffe unter dem Kommando des portugiesischen Seefahrers Cristóvão de Mendonça die abenteuerliche Entdeckungsreise schon um 1520 gemacht haben
Das war 100 Jahre vor den Holländern und 250 Jahre vor Kapitän Cook", jubelt Trickett in seinem in diesem Frühjahr veröffentlichten Buch "Beyond Capricorn".
(Peter Trickett)
Blankes Entsetzes
Wissenschaftler schlagen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. Es gebe es in portugiesischen Archiven keinerlei Hinweise auf die Entdeckung Australiens, betont Martin Woods, Kurator der Land- und Seekarten in der Australischen Nationalbibliothek in Canberra. Trickett habe keine neuen Dokumente wie Marschbefehle oder Schiffslogbücher zu Tage gefördert.
Die 120 portugiesischen Namen weist Richardson als Produkt der Fantasie des Schöpfers der Vallard-Karte zurück. "Trickett nimmt an, dass der Kartograf Zugang zu mehr Informationen hatte als andere Kartografen. Das ist absolut falsch. So mancher Kartograf hat Beschreibungen von Küstenlinien erfunden um reiche Auftraggeber der Karten zu beeindrucken. Das ist ein solcher Fall." Das angebliche Portugiesisch sei eine "erstaunliches sprachliches Durcheinander".
Als ein anderes Beispiel linguistischer Fehlinterpretation Tricketts führt Richardson die Erklärung für das Wort "Aljofar" an. Laut Trickett stammt das ein Wort aus der polynesischen Sprache – und so siedelt er den Ort in der Gegend von Tonga an.
"Das ist absolut falsch"
(William Richardson)
Richardson betont jedoch, "Aljofar" sei der portugiesische Begriff für Perle. Im 16. Jahrhundert galten der Persische Golf, die Gegend zwischen Sri Lanka und Indien sowie die südchinesische Insel Hainan als die bekanntesten Fundorte für Perlen. Richardson vermutet, die Portugiesen hätten Hainan selbst oder einen Ort auf der Insel "Aljofar" genannt. Hainan aber liegt nördlich vom Mekong-Delta – genau da, wo auf der Vallard-Karte "Aljofar" verzeichnet ist.
(William Richardson)
Kurzsichtige Marketingkampagnen
Richardson geht sogar soweit, Trickett als neuen Gavin Menzies zu bezeichnen. Der ehemalige U-Boot-Kapitän hatte vor fünf Jahren in seinem Weltbestseller "1421 – Das Jahr, in dem die Chinesen die Welt entdeckten" behauptet, chinesische Flotten unter Admiral Zheng Ho seien zwischen 1421 und 1423 weit vor Kolumbus in Amerika gewesen, hätten einhundert Jahre vor Magellan die erste Weltumsegelung geschafft und en passant Australien entdeckt. Richardson ist einer der Autoren der Anti-Menzies-Webseite "1421 entlarvt", mit der internationale Akademiker und Forscher sicherstellen wollen, "dass Geschichte nicht von Publizisten neugeschrieben wird, die mehr an kurzsichtigen Marketingkampagnen zur Absicherung ihrer finanziellen Sicherheit interessiert sind, als an intellektueller Integrität und Aufklärung der Öffentlichkeit".
Ein Schock für Anglophile
Zweifelsohne traten die Portugiesen im 15. und 16. Jahrhundert als die mächtigste seefahrende Nation der Welt auf – mit Kolonien in Brasilien, Afrika, Arabien, Indien, China und den Gewürzinseln im heutigen Indonesien. Ein großer portugiesischer Stützpunkt war das nur 450 Kilometer von Australien gelegene Osttimor. Es erscheint also gut möglich, dass die Portugiesen von ihren Gewürzinseln aus Expeditionen losgeschickt haben, um die nähere und weitere Umgebung zu erforschen und auf so einer Tour auch über Australien gestolpert sind. Dafür könnte eine Reihe von Funden in Australien sprechen wie ein 500 Jahre altes Senkblei oder auch Tonscherben, die Trickett als portugiesische Machart identifiziert hat.
Wissenschaftliche Beweise fehlen jedoch. Die "portugiesischen Kanonen" auf der Carronade-Insel in Westaustralien, die Trickett als Beleg für die Portugiesen in Australien anführt, haben westaustralische Wissenschaftler schon weit vor Tricketts Buch als von Makassen produziertes Schießgerät identifiziert.
Trickett hat noch eine Überraschung für die Australier parat: Die Karte zeige eindeutig, dass die Portugiesen gar in Botany Bay gewesen, dem Geburtsort des weißen Australiens – wo Kapitän Cook 250 Jahre später australischen Boden betrat. Der gebürtige Neuseeländer grinst: "Das mag ein Schock für die Anglophilen sein."


Freier Wissenschaftsjournalist in Sydney






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