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24. Januar 2010

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Ingo-Wolf Kittel am 24.01.2010 zu:
Gedankenreisen bewegen den Körper     zum Artikel »
 

Reisen aller Art - und was einen dabei alles bewegen kann

 
Sprachlich kann man davon reden, geistig "abzuheben". Esoteriker machen eifrig davon Gebrauch. Nicht wenige von ihnen sind beispielsweise überzeugt, statt "in" Flugzeugen "in" einem feinstofflichen Körper Reisen unternehmen zu können, "Astralreisen" nämlich, die sie vorwiegend im Schlaf ausführen: "in" oder eher beim Träumen...

Andere meinen, dazu ihren Geist zu benutzen, und reden dann von "Geistreisen". Viele halten die für "körperlose Reisen" insbesondere dann, wenn sie dabei eine imaginierte Trennung von Körper und Geist erleben, ein sog. OBE, eine Out-of-Body-Experience oder AKE - außerkörperliche Erfahrungen.

Geradezu banal erscheint es da, von "Phantasiereisen" zu sprechen, wenn man sich "vor dem geistigen Auge" tagträumerisch etwas "vorbeiziehen" lässt. Simples Erinnern oder sich eine mögliche "Zukunft" auszudenken dagegen "Gedankenreisen" zu nennen wie in dem Bericht, überrascht dann doch, zumal es dabei um weiter nichts geht als sich etwas vorzustellen. Da stellt sich doch glatt die Frage, warum wir eigentlich nicht von Vorstellungsreisen sprechen, zumal dieser Ausdruck bequemer Weise auch noch zur Bezeichnung von Reisen zur Vorstellung bei einem neuen Arbeitgeber und anderem mehr dienen könnte...

Wenn man sich dann aber so ausdrückt, als wäre es möglich, sich nicht nur von einem Ort zum andern, sondern geistig sogar "in die Vergangenheit oder Zukunft zu begeben", klingt das erneut mächtig esoterisch, erst recht, wenn derartige Phantasieleistungen "Zeitreisen" sein sollen - überdies solche, die sich auch noch "in der räumlichen Vorstellung des Menschen widerspiegeln"!

Schwindelerregend wird's dann aber zu lesen, dass Erinnern uns "schwanken" lässt - sofern das kein Schwank aus der Küchenpsychologie ist, der einen schwanken lässt, ob irgendetwas von dem Bericht oder der Untersuchung ernst zu nehmen ist.

Als wenn nicht aus dem Alltag schon bekannt wäre, dass viele die Gewohnheit haben, beim Nachdenken leicht den Kopf zu bewegen: ihn zu wiegen, senken oder auch zu heben und ihn dabei etwas nach hinten zu kippen, sich im Sitzen vielleicht sogar etwas zurück zu lehnen, aber auch zur Seite, vielleicht sogar den Kopf auf einen der Arme abzustützen und noch manch andere Begleitbewegungen auszuführen (und dabei gedankenverloren vielleicht sogar ein "hmm" oder ein paar passende Worte zu äußern).

Zu lesen zu bekommen, dass wir dann aber nicht wegen derartigen Gewohnheiten selbst natürlich auch Vorwärtsbewegungen machen (können), sondern von uns gedachte "Gedanken" solche "verursachen" und absurder Weise sogar deren "Reisen den Körper bewegen" sollen, lässt an geistige "Kräfte" und ebensolche "Wirkungen" denken: ausgeübt von Geistern irgendwelcher Art und zumindest einem davon, nämlich just dem, der à la Descartes über die Zirbeldrüse auf uns einwirken soll - "unser" Geist dann, der mit dem Vermögen ausgestattet, etwas in Bewegung zu setzen, vielleicht sogar zur Tele-Kinese fähig ist...

Die Forscher jedenfalls müssen Hellseher gewesen sein und andere Menschen zudem für Visionäre halten. Denn woher sollten sie sonst wissen, dass "wir" und damit wir alle "die Zukunft vor uns liegen sehen" - nicht oben oder unten, rechts von uns oder irgendwo links - und "die Vergangenheit hinter uns" statt ganz woanders oder nirgendwo, sondern "in" unserer Vorstellung?!

Oder sind es Geisterseher, Luftikusse wie Hans-guck-in-die-Luft, die statt ins Wasser auf schlichte Redewendungen reingefallen sind, nach denen man, was erledigt ist, "hinter sich" gebracht, und was ansteht, noch "vor sich" hat?!

Was für eine Ahnungslosigkeit!

(Ausgesprochen empfehlenswert und ganz neu: Manuela Di Franco "Die Seele - Begriffe, Bilder und Mythen." Reclam, Stuttgart 2009)
 
Ingo-Wolf Kittel
iw.kittel@gmx.de