Dabei galt die Germanienpolitik Kaiser Augustus' lange als Fiasko erster Güte. Während in den Jahrzehnten vor Christi Geburt in den Gebieten links des Rheins längst der römische Geist eingekehrt war, gelang es den Römern jenseits der Grenze bestenfalls, sich hier und dort mit Brachialgewalt festzukrallen. Mehrmals war der Feldherr Drusus zwischen 12 und 9 v. Chr. bis an die Elbe vorgedrungen, hatte rebellische Stämme unterworfen und entlang der Lippe Stützpunkte zur Sicherung des Grenzvorlands etabliert, etwa jenen im nordrhein-westfälischen Haltern. Auch unter seinen Nachfolgern in der Kommandatur vor Ort, Tiberius und Germanicus, riss die Kette der Konfrontationen nicht ab.
Nur die besten Künstler im Reich kommen laut den Entdeckern des Statuenfragments als Urheber in Frage. Die Statue sollte auf dem Forum der römischen Stadt bei Waldgirmes den Machtanspruch des Kaisers demonstrieren.
Als Archäologen dann 1993 in der kleinen mittelhessischen Ortschaft Waldgirmes auf römische Spuren stießen, glaubten sie zunächst an einen weiteren Stützpunkt aus dieser Zeit. Soviel sie aber auch freilegten, abgesehen von einem massiven Schutzwall aus Holz und Erde, deuteten weder Baracken noch Waffen auf die Anwesenheit von Legionären hin.
Eine Großstadt an der Lahn
Stattdessen zogen sich Zivilgebäude und Werkstätten die vermeintlichen Lagerstraßen entlang. Ein Forum in der Mitte der Anlage bot Platz für Gemeinschaftsleben. Es gab Wasserleitungen und Abwasserkanäle. Zum ersten Mal war eine zivile römische Siedlung rechts des Rheins belegbar. "Das hat für Furore gesorgt in der Welt der Archäologie", sagt der hessische Landesarchäologe Egon Schallmeyer. Von hier aus, urteilten schließlich die Archäologen um Siegmar Freiherr von Schnurbein von der römisch-germanischen Kommission, sollte einmal die Provinz Magna Germania regiert werden.
Wie unglaublich ernst es den Römern damit gewesen sein muss, offenbart jetzt die Entdeckung eines bronzenen Pferdekopfes mit Goldauflagen, den die Forscher Mitte August 2009 aus einem Brunnen der Ansiedlung bargen. Er gehört zu einem Reiterstandbild, von dem die Wissenschaftler anhand über hundert kleinerer Bruchstücke schon länger wissen. Aber erst mit der Entdeckung des Kopfes wird greifbar, dass das Örtchen zwischen Wetzlar und Gießen ein zweites Köln oder Mainz hätte werden können.
Möglicherweise umringten noch die Statuen anderer Würdenträger den Augustus aus Waldgirmes. Insgesamt fünf Podeste wurden auf dem Forum gefunden. Aus den aufgefundenen Fragmenten lässt sich allerdings nicht eindeutig auf die Existenz mehrerer Standbilder schließen.
Rom butterte offenbar ordentlich Geld in die Stadtgründung. Das Forum wirkt noch überdimensioniert im Vergleich zur acht Hektar großen Stadtfläche. Nirgendwo sonst auf dem Gebiet des rechtsrheinischen Germaniens finden sich Gebäude mit Steinfundament. Mehr oder weniger seit ihrer Gründung im Jahr 4 oder 3 v. Chr. war die gesamte Anlage auf Wachstum und Dauerhaftigkeit ausgelegt.
Die besten Künstler im Reich
Vor allem aber rühmen die Archäologen Machart und Qualität der jetzt entdeckten Statue, die ihren Angaben nach zu den besten Stücken gehört, die je im Gebiet des römischen Reichs gefunden wurden. Nur die vergoldeten Bronzen aus der italienischen Stadt Cartoceto di Pergola kämen als Vergleich in Frage – möglicherweise stammen beide Objekte sogar aus Werkstätten derselben Region. Auch die wesentlich jüngere Statue des Marc Aurel auf dem Kapitol vermittelt einen Eindruck vom ursprünglichen Aussehen der Waldgirmes-Statue. Deren Plastik ist so fein gearbeitet, dass die Forscher "die besten Künstler im Reich" als Hersteller vermuten.
Das Zaumzeug erzählt in römischer Bildsprache von der siegreichen Nation: In den Medaillons auf der Stirn erkennen die Archäologen den Kriegsgott Mars, Viktorien – Siegesgöttinnen – zieren die Seiten. Eine solch exquisite Kostbarkeit fernab der Grenze im Feindesland hatte niemand erwartet, zumal Augustusstatuen der Fundlage nach zu urteilen nur wenigen ausgewählten Orten vorbehalten waren.
Die Statue des Marc Aurel vom Kapitol in Rom dient hier als Grundlage für eine Rekonstruktion der Statue – so könnte das auf Verdeutlichung des kaiserlichen Herrschaftsanspruch ausgelegte Standbild ausgesehen haben. Nur wenige der über hundert entdeckten Fragmente lassen sich bestimmten Positionen zuordnen.
Das abrupte Ende dieser Geschichte ist bekannt: Eine dünne Brandschicht auf dem Gelände der einstigen Stadt zeugt von den Versuchen des Publius Quinctilius Varus, in Germanien das Heft in die Hand zu nehmen. Im Jahr 9 n. Chr. machte der Cherusker Arminius mit einem germanischen Heer in der so genannten "Schlacht vom Teutoburger Wald" drei Legionen nieder und nahm damit Rom jede Ambition auf eine Fortsetzung ihres Engagements in Germania Magna. Von einigen Vergeltungsschlägen abgesehen, zog sich Rom hinter den Rhein zurück. Jahrzehnte später markierte der Limes die Grenze der römischen Interessensphäre.
Das größte Medaillon auf der Stirn des Pferdes zeigt den Kriegsgott Mars, die kleineren an den Seiten stellen Siegesgöttinnen dar. Verloren ist das Bild auf der Oberseite: Auf Grund der Ähnlichkeit zu den Bronzen von Cartoceto könnte hier Jupiter abgebildet gewesen sein.
Ein anderes Szenario hält Friedrich Lüth, Erster Direktor der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt, ebenfalls für möglich: "Die Germanen hatten eine starke Affinität zu Pferdekulten. Vielleicht haben sie ja den Kopf regelrecht im Brunnen bestattet und den Rest der Bruchstücke mitgenommen."
Wer auch immer dafür verantwortlich war, allein den konservierenden Bedingungen im Brunnenschacht – elf Meter unter der heutigen Oberfläche – ist es zu verdanken, dass die Bronze die Jahrtausende einigermaßen unbeschadet überdauern konnte. Zwei Jahre, schätzen die Verantwortlichen, werden die Restaurierungsarbeiten dauern, dann soll der Kopf in einer Sonderausstellung präsentiert werden. Auch Wissenschaftler, die an der Kunst der Antike forschen, dürften sich übrigens für den Fund interessieren: Da man seine Entstehungszeit auf wenige Jahre genau bestimmen kann, könnte es maßgeblich werden für die zeitliche Einordnung ähnlicher Funde der Römerzeit.









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