Der letzte Weg des Machthabers ist noch nach mehr als 1000 Jahren zu verfolgen: Die Seelenstraße führte von der Ebene, von Süden her, geradewegs auf den schon von weitem aufragenden Berg zu. Rechts und links säumten sie auf mehreren hundert Metern steinerne Fabelwesen, überlebensgroße Pferde- und Menschenskulpturen, außerdem mächtige Ehrentürme, Säulen und Inschriftentafeln. Passierte der Besucher schließlich das trutzige Tor in der hohen Mauer, die das Bergmassiv weithin sichtbar kilometerlang umfriedete, fand er sich im eigentlichen, inneren Grabareal, einem weitläufigen Gelände, dessen Bebauung, landschaftliche Gestaltung und Wegenetz auf die Gruft im Berg ausgerichtet waren (Bild 1).

Wie der Zugang in eine Stadt mag dem zeitgenössischen Reisenden des achten oder neunten Jahrhunderts, wenn er den zentralchinesischen Anfang der Seidenstraße erreicht hatte, das Mausoleum eines Tang-Kaisers erschienen sein – und dies entsprach der Absicht, denn der Herrscher sollte im Tode nichts an gewohntem Prunk und Komfort missen und Ehrungen erfahren wie zu Lebzeiten.

Seit 1993 erfassen, vermessen und dokumentieren wir – Mitarbeiter des Römisch-Germanischen Zentralmuseums und Forschungsinstituts für Vor- und Frühgeschichte in Mainz – gemeinsam mit Kollegen vom Archäologischen Institut der Provinz Shaanxi in Xi'an diese monumentalen Grabanlagen aus einer Blütezeit einer der großen Hochkulturen der Menschheit.

Von den Bau- und Kunstwerken der wohl bedeutendsten und glanzvollsten Phase in Chinas Geschichte ist heute nur mehr relativ wenig zu sehen. Während der Dynastie der Tang, die von 618 bis 907 herrschten, dürfte China das flächengrößte und bevölkerungsreichste Land der Welt gewesen sein.

Man beschreibt diese Epoche, als das Reich sich zeitweilig bis weit nach Mittelasien erstreckte, gern mit Superlativen wie "Goldenes Zeitalter". China erlebte damals wirtschaftlich wie kulturell einen nie wieder gewesenen Aufschwung. Besonders das erste Jahrhunde