Zu Beginn der Neuzeit war in Europa ein besonders abstruser Kannibalismus populär. Ausgerechnet Paracelsus (1493–1541), ein Wegbereiter der modernen Medizin, hatte dazu angestiftet: Als Arznei gegen allerlei Gebresten wie Epilepsie, Herzattacken, Übelkeit, Vergiftungen, Paralyse, Tuberkulose oder Blutergüsse empfahlen er und dann auch andere Doktoren staubfein zermahlene altägyptische Mumien.

Prominentester Gegner der makabren Praxis wurde der französische Hofchirurg Ambroise Paré (1510–1590) – allerdings nicht aus ethischen Gründen, sondern der Nebenwirkungen wegen. Sie verursache, schrieb er, "Herz- und Magenschmerzen, Erbrechen sowie Gestank aus dem Munde". Trotzdem war die Nachfrage so rege, dass geschäftstüchtige Gauner sogar frische Leichen raubten, trockneten und pulverisierten. In der deutschen Apothekersprache blieb der Begriff Mumie bis ins 19. Jahrhundert gebräuchlich, wenngleich damit meist nur mehr eine Art Erdpech oder eine harzige Masse bezeichnet wurde, die angeblich aus Mumien geflossen war, nachdem man sie der Sonne ausgesetzt hatte.

Schmählicher konnte die Würde von Toten schwerlich verletzt werden. Denn nach den Jenseitsvorstellungen im Ägypten des Altertums war die spirituelle Existenz von Gestorbenen unbedingt auf ihren Körper angewiesen: Eine Seele – der Ka – verharrte nach dem Hinscheiden in dem Leichnam, während eine dynamische zweite – der als Vogel dargestellte Ba – die lebenden Angehörigen zu besuchen vermochte und die Sonne auf der nächtlichen Reise durch die Unterwelt begleitete; danach aber musste sie ihren Leib wieder auffinden und erkennen können.

Deshalb hatten Priester schon früh im Alten Reich (2660–2160 vor Christus), als Cheops, Chephren und Mykerinos sich die Pyramiden von Giseh als Ruhestätten für die Ewigkeit errichten ließen, raffinierte Konservierungstechniken entwickelt. Wie