Die bunte Welt der Dichter und Denker
Schon am Eingang der Ausstellung zeugt eine lebensgroße Grabstele von der erschlagenden Farbgewaltigkeit antiker Plastik. Vor signalrotem Hintergrund steht dort Aristion, der Krieger. Seine Rüstung leuchtet in hellem Gelb, feine Muster ziehen sich als Borten um Hüfte und Brust. Die Schienbeinschützer und der Helm des Soldaten sind dunkelblau. Das weiße Unterkleid unterscheidet sich markant von seinem braungebrannten Leib.
Rechts von ihm starrt ein kleiner sandgelber Löwe in den Raum. Sein Kopf ist von einer blauen Mähne bedeckt, um die Augen und die Schnauze ziehen sich rote Linien und Punkte. Er wirkt, als sei er einem asiatischen Manga entsprungen. In Wahrheit ist er 2550 Jahre alt. Im griechischen Loutraki bewachte er einst ein Grab. "In der Antike herrschte eine wahre Konkurrenz der Bilder", erklärt Ausstellungsleiter Frank Hildebrandt. "Die Skulpturen mussten sich voneinander abgrenzen und auffallen. Deshalb waren starke Kontraste unumgänglich."
Erforschung der Farbigkeit
Der Fund des Aphaia-Tempels löste damals ein wahres Farbigkeitsfieber aus. Abgüsse von Skulpturen wurden bunt getüncht, Neubauten im antiken Stil wie die Münchner Glyptothek in kräftige Farben getaucht. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr antike Funde mit Farbresten zutage. Dennoch verebbte das Interesse an der bunten Welt der Antike nach dem ersten Weltkrieg. Die Ausstellungen in den Museen zeigten wieder vermehrt geweißte Statuen – ganz im Sinne der Renaissance, wo man die Funde der alten Griechen mit Essigwasser und Stahlschwämmen "sauber" schrubbte, weil das reine Weiß den Geschmack der Zeit besser traf.
Auch der Kopf des Caligula aus der Ny-Carlsberg-Glyptothek in Kopenhagen, der nun bis Anfang Juli in Hamburg ausgestellt sein wird, weist noch deutliche Spuren früherer Bemalung auf: Das linke Auge ist von feinen schwarzen Wimpern umrandet, an seinem linken Ohr verlaufen noch die Reste seiner aufgemalten Haarpracht.
Mit überkommenen Sehgewohnheiten brechen
"Die Vorgehensweise heutiger Forschung zu zeigen, war uns sehr wichtig", betont Ausstellungsleiter Hildebrandt. "Denn nur so schaffen wir es, die Besucher davon zu überzeugen, dass die Skulpturen damals wirklich so bunt waren, wie wir sie heute sehen." Der Historiker weiß wovon er spricht. Auch er selbst tat sich anfangs mit den kräftigen Farben der alten Griechen schwer: "Sehgewohnheiten sind eben nur schwer zu überwinden." Die Ausstellung soll jedoch einen Anreiz geben, sich mit überkommen Vorstellungen auseinander zu setzten. Frühere Stationen der "Bunten Götter" in München, Istanbul und Athen zogen bereits viel Aufmerksamkeit auf sich. Die Hamburger Ausstellung kann jedoch damit auftrumpfen, alle inzwischen fertiggestellten farbigen Rekonstruktionen in ihren Hallen zu vereinen.
Die zentrale Position des Bogenschützen auf der Frontseite eines Tempels zu Ehren der Göttin Athene machte es den Forschern leicht, ihn als Sohn des trojanischen Königs Priamus auszuweisen. Bei einer anderen Figur war die herausragende Position nicht so leicht zu erraten: Die so genannte Peploskore ist die Skulptur einer jungen Frau, die etwa 480 v. Chr. von den Athenern zum Schutz vor den angreifenden Persern mit zahlreichen anderen Frauenfiguren unter die Erde gebracht wurde.
Weil sich die Statuen sehr ähnelten, ging die Forschung lange davon aus, dass es sich bei der Figur um die Nachbildung junger Bürgerinnen handelte, die als Weihgaben aufgestellt worden waren. Doch die Farbuntersuchungen brachten Erstaunliches zu Tage: Das Gewandt der Peploskore war über und über mit feinen Zeichnungen bemalt. Rosetten und Arrangements wilder Tiere zierten ihr Kleid. Eine farbige Rekonstruktion schließlich brachte Gewissheit: Die Figur stellt wahrscheinlich Athene oder Artemis dar. Erst die Farbe hat die Bürgerin in den Rang einer Göttin erhoben.


Freie Wissenschaftsjournalistin in Bremen






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