Üppig und undurchdringlich bedeckt der tropische Regenwald das riesige Amazonasgebiet – eine Wildnis, in der heute nur hier und da einige Indianerstämme leben. Doch das war nicht immer so. Als der amerikanische Archäologe Michael Heckenberger von der University of Florida im Juli 2008 vom Oberlauf des Rio Xingú in Brasilien zurückkehrte, hatte er Funde im Gepäck, die seine lang gehegte Vermutung erhärteten, dass jene Regenwälder, die uns heute so ursprünglich erscheinen, früher erstaunlich dicht besiedelt waren. Mehr noch: Das, was wir als Urwald bezeichnen, war einst eine hoch organisierte Kulturlandschaft, geformt von den Ureinwohnern Amazoniens, lange bevor die Europäer ihren Fuß auf den Kontinent setzten.

Es ist ein faszinierendes Szenario, das Heckenberger und seine Kollegen von der Region im Westen Brasiliens entwerfen. "Unser Bild von den Tropen ist ja immer noch von den romantischen Fantasien des 19. Jahrhunderts geprägt", meint der Bonner Altamerikanist Nikolai Grube. Der "edle Wilde", der einfach und im Einklang mit seiner Umwelt lebt – komplexe Zivilisationen passen nicht in dieses Klischee. Der Direktor des Instituts für Altamerikanistik und Ethnologie spricht dagegen von menschengeformten, "anthropogenen" Wäldern, wenn es um die vermeintliche Wildnis Amazoniens geht. Heckenbergers Entdeckungen bestätigen ihn: Die Xingú-Region war vor Ankunft der ­Europäer offenkundig von einem regelrechten Geflecht hoch entwickelter Siedlungen durchzogen – jede einzelne mit einem zentralen Platz, untereinander verbunden durch schnurgerade Straßen. …